Markus Ridder – Vom Shitstorm zum Erfolg

8. Februar 16 | SOCIAL MEDIA | 1 Kommentar.

Für seinen Thriller „Die Rückkehr des Sandmanns“ dachte sich der Münchner Autor Markus Ridder einen makaberen Werbegag aus. Was der Selfpublisher dabei nicht bedacht hatte: dass die Aktion auch komplett nach hinten los gehen könnte. Doch letztlich wurde ein Bestseller draus, und Markus Ridder bekam einen neuen Auftrag als PR-Berater.

Wenn der Postbote klingelt und einen Brief mit schwarzem Rand übergibt, ist die Botschaft eindeutig. Verbunden mit herzlichen Beileidsbekundungen überreichte der Briefträger die Trauerpost mit dem Absender „M.R.“ an die Bloggerin Caroline Kottmann (Name geändert), die mit zitternden Händen den Umschlag öffnete, auf das Schlimmste gefasst. „Mona ist tot“, lautete die traurige Botschaft. Doch wer ist Mona? Und wer ist M.R.? Ganz unten stand klein gedruckt: „Das Buch, das Zeugnis von Monas Leidensweg ablegt, erscheint am 25. September.“

 

Markus Ridder Shitstorm und Erfolg dicht beinander


Also Entwarnung! Kein Todesfall in der Familie. Nur eine etwas morbide Werbeaktion für das neue Buch des Autors Markus Ridder (44), der sich hinter den Initialen M.R. verbirgt und vor seiner Autorenkarriere als PR-Manager unter anderem für ProSiebenSat1 und die McDonald’s-Kinderstiftung tätig war. 90.000 Bücher erscheinen in Deutschland jedes Jahr, davon 15.000 Romane. Der Münchner wollte sich aus dieser Masse abheben. Das Besondere an seinem Projekt: Erstmals hatte der Autor, der schon mehrere Krimis auf herkömmliche Weise veröffentlich hatte, keinen Verlag mit schlagkräftiger Werbeabteilung im Rücken, sondern das E-Book auf der Amazon-Plattform „Kindle Direct Publishing“ selbst veröffentlicht.
So wollte er eine größere Leserschaft erreichen – immerhin konnte er als Selfpublisher auf eigene Faust ungewöhnliches Marketing betreiben und das Buch zu einem Kampfpreis von 2,99 Euro anbieten. (Die Gewinnmarge für den Indie-Autor ist hier noch mehr als doppelt so hoch wie bei einem normalen Taschenbuch.)

Markus Ridder: Besser fünf Freunde und fünf Feinde als unbekannt

Dass seine Werbeaktion mit der Realität spielte, fand er passend: Im Buch geht es ebenfalls um Schein und Sein, konkret um die Frage, ob eine der Hauptprotagonistinnen noch lebt. Dass er mit der Marketingidee polarisieren würde – damit hatte er gerechnet. „Mir ist es lieber, wenn mich fünf Blogger hassen und fünf andere gut finden, als dass mich zehn Blogger gar nicht kennen.“ Anfangs jedoch schien die negative Resonanz übermächtig.

Bloggerin Kottmann jedenfalls empfand die Werbung als „Eingriff in die Persönlichkeitsrechte“, sogar als „Körperverletzung“. Auch anderen Multiplikatoren ging die Todesanzeige im Briefkasten zu weit. Sie forderten zum Boykott des Autors auf und verbannten ihn auf Sperrlisten „auf Lebenszeit“. Fast schien es, als hätte Markus Ridder mit der Anzeige seinen eigenen Nachruf als Krimiautor verfasst. Und es wurde noch schlimmer. Als Kottmann Ridders Aktion entrüstet auf Facebook publik machte, zog ein Shitstorm auf, der seinesgleichen suchte. Ihr Posting wurde etliche Male geteilt. Sie hatte darin den Brief abgebildet – aber die wichtigen Details zur Erklärung des Ganzen mit einem Blatt überdeckt. Die Auflösung, die deutlich machte: „Hallo, das ist nur Werbung!“, fehlte.

Shitstorm happens

Viele Kommentatoren schrieben sich in Rage. Manche wollten dem Verfasser der Todesanzeige am liebsten seine eigene hinterherschicken. Sie fanden die Werbung „ABSOLUT geschmacklos und ABSOLUT widerwärtig“. Ein anderer verlangte: „Man sollte diesen Verbrecher von Autor einsperren!“ Eine Frau stellte nur entrüstet fest: „Dass es so böse Menschen wirklich gibt.“

Markus Ridder räumt gegenüber sumago.de ein, dass ihn der Wirbel auch erschrocken hat: „Es macht einem schon auch Angst, wie leicht Menschen anzustacheln sind. Wie schnell Hass entsteht, verbale Gewalt.“ Und er selbst mittendrin. Ihm hatte es in dieser Situation geholfen, sich nicht zu vergraben, mit Freunden zu reden und an die schweigende Mehrheit zu denken, die vielleicht neugierig geworden ist auf sein Buch. Und dann wurde ihm klar, dass er die Kontrolle zurückgewinnen muss – immerhin fühlte er sich missverstanden: Die Buchbloggerin Kottmann hatte ihre Follower nicht darüber aufgeklärt, dass der Autor in den letzten Zeilen der Todesanzeige auf das Buch hingewiesen hatte.

Kontrolle zurückgewinnen

Er lenkte die Meute durch eigene Postings auf seine Facebook-Seite – und verfolgte damit drei Ziele: Erstens gab es hier Gegenwind für den Shitstorm, er lief in kontrollierteren Bahnen. Zweitens zeigte er hier zur Aufklärung den kompletten Brief und nicht nur einen Ausschnitt. Drittens mobilisierte er Freunde, die ihm in den Diskussionen beistanden.

Er hatte Glück: Es funktionierte. Er gewann die Aufmerksamkeit von Bloggern, die die ganze Aufregung völlig übertrieben fanden – und auch gerne die mörderisch originelle Werbung im Briefkasten gehabt hätten. Immerhin sind Krimiblogger einiges gewöhnt und bekommen schon mal Umschläge, aus denen Graberde rieselt, Lösegeldforderungen, Drohbriefe, Voodoo-Puppen. Endlich gab es zwei Seiten: Die Multiplikatoren, die nach wie vor sagten: „Ein Buch von so jemandem kaufe ich nicht.“ Aber auch andere, die meinten: „Jemand, der so eine Aktion startet, schreibt sicher spannende Bücher.“ Viele gingen inzwischen davon aus, dass die Aktion genau so geplant war von Markus Ridder, der neben seinem Beruf als Autor auch als PR-Berater arbeitet. Immerhin trudelten in der Folgezeit mehr und mehr Anfragen nach Besprechungsexemplaren ein: Blogger und Journalisten begannen, sich auch für den Inhalt des Buches zu interessieren.

Auch die herkömmlichen Medien wurden inzwischen auf seine Aktion aufmerksam.

Die Münchner Boulevardzeitung TZ etwa titelte: „Shitstorm wegen dieser Todesanzeige“, und stellte im Text fest: „Die Rezensionen der Kunden fallen ausnahmslos gut bis sehr gut aus.“ Die Süddeutsche Zeitung ließ Ridder fotografieren und zog einen Beitrag zum Thema Selfpublishing an seiner Geschichte hoch. Und das Fachblatt Pressesprecher kam zu dem Schluss: „Ein trauriges Ende einer vermurksten PR-Aktion? Eher nicht: Der Auflage wird’s nicht schaden.“ Auch Frauenmagazine, Lifestyletitel und andere Medien interessierten sich für den ungewöhnlichen PR-Coup, und jetzt auch Sumago.

All das wirkte sich, wen wundert’s, positiv auf die Verkaufszahlen aus, letztlich hat er mit seinem Buch einen Bestseller gelandet, und das als Indie-Autor. Dies liegt auch daran, dass Tolino Media ihn durch seine ungewöhnliche PR-Strategie entdeckt hatte. Das Unternehmen gab deutschlandweit zehn Selfpublisher-Titel als gedruckte Bücher in hohen Auflagen in den Filialen von Thalia, Hugendubel, Weltbild und Osiander heraus – darunter den „Sandmann“. Bei Hugendubel lag das Werk auf Tischen mit Plakaten: „Unsere besten Selfpublisher“. Weil auch andere Selfpublisher von solchen Erfolgen träumen, wurde Ridder vom Selfpublishing-Verlag Books on Demand als PR-Berater für seine Autoren engagiert.

Ob der Münchner den Shitstorm als kalkuliertes Marketinginstrument weiterempfehlen würde? „Nur, wenn das alleinige Marketingziel lautet: Bekanntheit um jeden Preis“, sagt er. „Das wird aber nur sehr selten der Fall sein, schließlich wollen die Unternehmen ja im Regelfall ein positives Markenimage.“ Als Krimiautor findet er das „Bad-Boy-Image“ gar nicht so schlecht. Auch wenn es mit seinem smarten Aussehen nur schwer in Einklang zu bringen ist.

Das Wichtigste zusammengefasst:

  • Wenn du in einen Skandal gerätst – nutze ihn!
  • Wer die Medien erreichen will, muss etwas wagen und darf sich nicht vor Häme fürchten.
  • Versuche, den Shitstorm unter Kontrolle zu bekommen und zu lenken.
  • Bedenke dein Image. Kannst du es dir leisten, durch einen Shitstorm ein Bad-Boy-Image zu bekommen, kannst du es versuchen. Sonst lieber nicht.
  • Immer noch gilt der alte Grundsatz der PR: „Schlechte Schlagzeilen sind besser als keine Schlagzeilen.“

Markus Ridder ist neben seinem Beruf als Autor als PR-Berater tätig. Nach „Die Rückkehr des Sandmann“ ist mit „Das Eisenzimmer“ vor kurzem ein weiteres Buch von ihm erschienen, zugleich gedruckt und als E-Book. Er lebt in München.

Mehr Infos: www.markusridder.com


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Über den Autor

Nadine ist seit 2015 Autorin bei SUMAGO

Nadine Luck – who has written posts on .


1 Kommentar

  1. Helmut F. Körschgen
    Helmut F. Körschgen 8. Februar 2016 at 21:13

    Spannende Sache. Was hat Herr Ridder wohl für seinen nächsten Thriller geplant?

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