„Jesus wäre Youtuber“– Interview mit Erzbischof Ludwig Schick, dem ersten twitternden Bischof Deutschlands

21. Januar 16 | SOCIAL MEDIA | 4 Kommentare| In 12–15 Minuten hast du es durch

Mit Bischofsstab, Mitra und iPad: Bambergs Erzbischof Ludwig Schick (66) ist der erste katholische Bischof Deutschlands, der seine Botschaften zwitschert oder auf Facebook postet. Im Interview mit Sumago vergleicht er die Zehn Gebote mit einem 140-Zeichen-Tweet und spricht über extrakurze Predigten, Facebook-Seelsorge und den ersten Shitstorm seines virtuellen Lebens.

Erzbischof Ludwig Schick: "Jesus wäre Youtuber"

Interview mit Erzbischof Ludwig Schick

Herr Erzbischof, Sie sind häufig auf Facebook und Twitter unterwegs und pflegen dort eigene Profile. Wie sehr leben Sie mit den sozialen Netzwerken, zwitschern Sie beispielsweise auch mal beim Abendessen?

Erzbischof Ludwig Schick:

Ich habe mein Tablet und mein Smartphone meistens bei mir. Wenn ich unterwegs bin und nachdenke, fällt mir oft ein Gedanke ein, den ich twittere oder auf Facebook poste. Beim Essen bleibt das Handy in der Tasche. Essen und auf das Telefon schauen oder twittern, entspricht nicht den guten Tischmanieren und ist unhöflich gegenüber den anderen.

Vor drei Jahren haben Sie als erster katholischer Bischof Deutschlands angefangen zu twittern, noch vor Papst Benedikt. Wie kam es dazu?

Erzbischof Ludwig Schick:

Ich beobachte schon immer interessiert die Entwicklungen in den neuen Medien, durchaus auch kritisch. Und ich habe immer gesagt: „Man muss nicht alles mitmachen.“ Aber als die Bedeutung der sozialen Netzwerke immer mehr zunahm, war für mich auch klar: Die Kirche darf diese Kanäle nicht den anderen überlassen und muss dort präsent sein. Ich habe schon vor meiner Zeit auf Twitter regelmäßig an meine Handy-Kontakte zum Beispiel an Feiertagen SMS-Botschaften geschickt. Wenn ich jetzt einen Tweet versende, ist das nichts anderes – nur mit einem viel größeren Empfängerkreis.

Twittern Sie wirklich selbst oder haben Sie dafür einen Referenten?

Erzbischof Ludwig Schick:

Meine persönlichen Seiten auf Twitter und Facebook pflege ich persönlich – ich bin für jeden Tippfehler und alle vielleicht schwer verständlichen Abkürzungen selbst verantwortlich. Die Facebook- und Twitter-Seiten des Erzbistums Bamberg werden von unserer Online-Redaktion gepflegt.

Fällt es Ihnen schwer, knappe Botschaften zu formulieren, während Ihr Medium ansonsten lange Predigten sind?

Erzbischof Ludwig Schick:

Es gibt das Sprichwort: „Man darf über alles predigen, aber nicht über zehn Minuten.“ Um sich kurz zu fassen und wichtige Botschaften in wenigen Worten rüberzubringen, ist das Twittern eine gute Übung. Im Übrigen sind 140 Zeichen gar nicht so wenig: Die Seligpreisungen der Bergpredigt, das sind Kernbotschaften unseres Glaubens, sind nicht länger als ein Tweet. Und auch jedes der Zehn Gebote ist viel kürzer als 140 Zeichen.

Sehen Sie es als Teil Ihres Berufs, sich auf den sozialen Netzwerken zu bewegen?

Erzbischof Ludwig Schick:

Als Bischof sehe ich mich vor allem als Seelsorger, der Kontakt mit den Menschen hat und auf das hört, was sie beschäftigt oder bedrückt. Über Facebook können mich Menschen ansprechen und direkt erreichen, mit denen ich sonst nie Kontakt hätte. Die Hemmschwelle ist hier sehr niedrig, das ist auch gut so – auch wenn ich aus Zeitgründen leider nicht alles beantworten oder mit jedem in einen Dialog treten kann. Die Kirche war in dieser Hinsicht schon immer Vorreiter und hat den Buchdruck, Radio und Fernsehen für ihren Auftrag genutzt, als das noch „neue Medien“ waren. Ich bin sicher, dass Jesus heute Twitter, Facebook und Youtube nutzen würde.

Jesus würde twittern und wäre ein Youtuber? Sind Sie da sicher?

Erzbischof Ludwig Schick:

Jesus hat vor 2000 Jahren alle Möglichkeiten genutzt, um mit den Menschen in Kontakt zu treten. Er würde das auch heute tun und nichts unversucht lassen, seine frohe Botschaft zu verkünden. Und beste Möglichkeit dazu bieten heute auch Twitter, Facebook und auch Youtube.

Herr Erzbischof, Sie selbst haben mehr als 4000 Follower auf Twitter und rund 2500 Fans auf Facebook. Freut es Sie, wenn Sie für einen Beitrag besonders viele Likes bekommen?

Erzbischof Ludwig Schick:

Ich strebe nicht nach virtuellem Applaus und poste auch Dinge, die unpopulär sind und wenig Beifall erzeugen. Ich freue mich natürlich, wenn viele Likes und Retweets deutlich machen, dass meine Nachrichten die Menschen erreichen und Zustimmung finden.

Ändern Sie Ihre Postings, wenn Sie mitbekommen, dass Sie für ein Thema wenig Likes kriegen?

Erzbischof Ludwig Schick:

Nein. Es gilt auch im Netz: Was ich gesagt habe, habe ich gesagt. Mir geht es nicht darum, den Menschen zu gefallen. Selbst wenn ein Beitrag nur wenige Leser erreicht, so kann es doch sein, dass er bei denen Wirkung zeigt. Sie kennen das Gleichnis vom Sämann: Viele Samenkörner  fallen auf steinige Erde oder unter Dornen, sie verwelken in der Sonne. Aber einige wenige tragen hundertfache Frucht. Tweets können wie Samenkörner auf dem oft steinigen Acker der virtuellen Welt sein.

Posten Sie auch Selfies? Was kommt besonders gut an?

Erzbischof Ludwig Schick:

Manchmal bitten mich Jugendliche zum Beispiel bei Firmungen oder auf Wallfahrten um gemeinsame Fotos. Es kommt vor, dass ich ein solches Selfie auch poste. Aber das ist eher selten.

Mussten Sie Offline-Schelte für das Twittern und Facebooken einstecken, etwa von Leuten, die es zu oberflächlich finden, auf 140 Zeichen Botschaften zu teilen?

Erzbischof Ludwig Schick:

Es gibt natürlich – gerade in meiner Altersklasse, aber durchaus auch bei jungen Pfarrern – einige, die mit der virtuellen Welt und den neuen Medien nichts anfangen können. Das müssen sie ja auch nicht. Jeder findet hier seinen eigenen Weg. Im Übrigen kann man auch auf 140 Zeilen oder Seiten viel Oberflächliches verbreiten. Ein Tweet kann keine Predigt ersetzen, aber auf Gottes Wort aufmerksam machen oder einen Denkanstoß geben.

Mit Ihrer Kritik an Pegida haben Sie vor einem Jahr einen regelrechten „Shitstorm“ ausgelöst. Wie gehen Sie damit um?

Erzbischof Ludwig Schick:

Ich habe mich deutlich geäußert, dass Christen nicht an fremdenfeindlichen Demonstrationen teilnehmen sollen, weil das nicht dem Gebot der Nächstenliebe entspricht. In meinem Büro und in meiner Pressestelle sind damals Hunderte wütende Mails eingegangen. Auch auf Facebook gab es zahllose Kommentare mit zum Teil sehr beleidigendem Inhalt. Ich habe versucht, meinen Standpunkt zu erläutern und alle Mails zu beantworten, zumindest die, die sachlich argumentiert haben und nicht nur aus üblen, nicht zitierfähigen Schimpfworten bestanden. Einige haben daraufhin freundlich zurückgeschrieben, auch wenn ich sie nicht überzeugen konnte. Auf anonyme Absender und reine Beschimpfungen reagiere ich nicht.

Auf Facebook kursiert ein Foto mit einer Sprechblase, auf dem Sie den Pegida-Anhängern mit dem Höllenfeuer drohen.

Erzbischof Ludwig Schick:

Ich nutze gerne die Gelegenheit, um noch einmal zu betonen: Dieses Foto ist eine böswillige Fälschung. Ich habe dieses Zitat niemals gesagt. Wir haben rechtliche Schritte dagegen eingeleitet, die bislang aber ergebnislos geblieben sind, weil der Urheber im Ausland sitzt.

Warum äußern Sie sich so deutlich gegen eine Bewegung, die doch das christliche Abendland retten will?

Erzbischof Ludwig Schick:

Ich bin auf der Seite von jedem, der das christliche Abendland verteidigt. Aber was ist denn das christliche Abendland? Es besteht darin, dass Menschenrechte und Menschenwürde hoch gehalten werden, dass man sich für die Schwachen und Armen stark macht. Christliches Abendland ist nicht dort, wo Menschen wegen ihrer Rasse, Herkunft oder Religion ausgegrenzt werden. Wir Christen sind dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter verpflichtet. Diese Einstellung kann ich bei Pegida nicht feststellen.  Auch wenn einzelne Christen mit guter Absicht dort mitmachen sollten, stelle ich fest, dass Pegida und christliches Abendland weit auseinander liegen. Darum soll ein Christ dort nicht mitmachen.

Wäre es für Sie denkbar, mal einen Twitter-Gottesdienst oder eine virtuelle Messe zu feiern?

Erzbischof Ludwig Schick:

Ich kann mir viele Möglichkeiten der Spiritualität oder des Gebetes im Internet und in den sozialen Netzen vorstellen. Das Internet kann auch vielen Kranken oder Alten die Möglichkeit geben, eine Gottesdienstübertragung zu verfolgen. Wir denken daher auch darüber nach, in unserem Dom Kameras zu installieren. Eine virtuelle Messfeier aber kann es nicht geben, weil zum Empfang der Sakramente die leibhaftige Anwesenheit Voraussetzung ist.

Politiker twittern immer mal wieder aus dem Bundestag. Dürfen wir Sie auch mal live aus der Bischofskonferenz lesen?

Erzbischof Ludwig Schick:

Vielleicht mit einem Foto vom Beginn. Aber die Konferenzen an sich und vor allem die Beratungen sowie die Ergebnisse sind nicht öffentlich und vertraulich. Daran halte ich mich strikt.

Das Interview mit Erzbischof Ludwig Schick wurde geführt von Nadine Luck

Wichtige Punkte aus dem Interview

  • Soziale Medien gehören nicht an den Esstisch. Das ist unhöflich.
  • Persönliche Seiten sollten persönlich gepflegt werden
  • Seeligpreisungen sind auch oft nicht länger als ein Tweet
  • Eine eigene Meinung ist wichtig
  • Wichtige Sachen haben Vorrang vor allgemeiner Kommuniaktion

Weitere Infos zu Ludwig Schick findest du hier.

 

Über den Autor

Marco Janck auf Google +
Marco Janck hat SUMAGO im Jahre 2004 gegründet und betreibt die SEO Agentur seitdem im „Speck-Gürtel“ von Berlin mit großem Erfolg.

Marco Janck – who has written posts on .


4 Kommentare

  1. Michael Schöttler
    Michael Schöttler 21. Januar 2016 at 9:27

    Sehr gutes Interview, mit Top Fragen & Antworten. Gute Auswahl des Interview Partners Marco!

  2. Thomas Rafelsberger
    Thomas Rafelsberger 21. Januar 2016 at 9:47

    Top!

  3. Tom Böklund
    Tom Böklund 21. Januar 2016 at 10:44

    Schön, dass die kath. Kirche die neuen Medien kreativ nutzt. Ein sympathischer Bischof. Ich werde ihm auf Twitter folgen, auch wenn ich evangelisch bin.

  4. Sammy Zimmermanns
    Sammy Zimmermanns 21. Januar 2016 at 13:39

    Hey, das ist ja mal ein ganz anderer Blickwinkel als sonst. Danke für das Interview. Bitte befrage mehr ausergewöhliche Personen.

Leave a Reply

Kontakt

SUMAGO GmbH
SEO AGENTUR
Tel : +49 (0)3379 201192
Kontaktformular
Marketing Platoon | Partner | Jobs | Blog
Presse | Sitemap | Impressum | Wiki
Deine SEO Agentur in Berlin & Deutschland

Pin It on Pinterest

marco-janck

Wo bleibst du denn?

Verpasse nie wieder Neuigkeiten aus dem SUMAGO-Universum. Egal, ob Events, Podcats, News, Tipps & Tricks. Wenn Du Dich jetzt für den Newsletter anmeldest bleibst Du immer Teil der erfolgreichen SUMAGO-Community.

Worauf wartest Du?

Come in and find out

Deine Anmeldung war erfolgreich! THX